Aufruf des Regierenden Rates vor der Geberkonferenz am 23./24. Oktober in Madrid

Von Iyad Allawi und Kamil al-Gailani*

Die Iraker sehen mit grosser Hoffnung der kommenden Geberkonferenz zum Wiederaufbau im Irak entgegen, die am 23./24. Oktober in Madrid stattfindet. Ob sie während der langen Regierungszeit Saddam Husseins ins Exil getrieben wurden oder ob sie in Furcht und Armut lebten, alle Iraker mussten mit Schmerz und Bestürzung zusehen, wie unsere Nation durch Saddams Terror und Wahnsinn ihren Wohlstand verlor und von der Welt isoliert wurde. Madrid gibt uns die Gelegenheit, unseren seit langem gehegten Wunsch auszudrücken, wieder in die Familie der Nationen aufgenommen zu werden und das wahre irakische Erbe anzutreten, die Beziehungen zur Welt wieder aufzunehmen.

Signal für den ganzen Mittleren Osten

Jahrzehnte schlechter Regierung und brutaler Tyrannei haben den Irak und die irakische Gesellschaft in Lumpen und Fetzen gelassen. Wir werden nicht nur die materielle Infrastruktur des Landes wieder aufbauen müssen, sondern auch das ganze gesellschaftliche Gefüge. Die Iraker müssen lernen, wieder in Harmonie zu leben und für ein gemeinsames Ziel; die falschen Scheidelinien, die uns vom Baath-Regime aufgezwungen wurden, müssen beseitigt werden. Wir können das nicht alleine tun. Wir begrüssen die Hilfe der Welt, ihre Erfahrung und ihr Engagement. Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, in Madrid auf unserer Seite zu stehen und für unseren Neuanfang Hilfe in Aussicht zu stellen, so weit das eben geht. Fortschritt und Prosperität im Irak werden Frieden, Stabilität und Fortschritt im ganzen Mittleren Osten bringen.

Von der Welt können wir viel lernen. Wir können von den Erfahrungen Japans und Deutschlands beim erfolgreichen Wiederaufbau nach Jahrzehnten Tyrannei und Krieg lernen. Wir können lernen von der Erfahrung Russlands und der vielen Nationen Osteuropas nach dem Kommunismus und der staatlichen Kontrolle über die Wirtschaft. Wir können lernen von Spanien und Griechenland und ihren Erfahrungen nach Jahren der Diktatur und von Militärregierungen.

Von Unterdrückung zu Toleranz

Unser Land galt einst als Wiege der Zivilisation, ein fruchtbares Land mit einem reichen kulturellen Erbe. Saddam entehrte dieses Vermächtnis mit seiner systematischen Jagd nach totaler Macht und unfassbarem Reichtum. Er baute einen gewaltigen und verschwenderisch ausgestatteten Palast in den Ruinen des antiken Babylon, während sein Regime die Leichen von Tausenden ermordeter Iraker in die nahe gelegenen Massengräber von Hilla und an anderen Orten warf. Er legte die südlichen Sümpfe trocken und versuchte, eine alte und ehrenwerte Lebensweise zu vernichten in einem ungezähmten, brutalen Feldzug zur Beseitigung jeden Widerstandes unter den Schiiten. Er führte Krieg gegen die kurdische Bevölkerung des Iraks, vergaste ganze Dörfer und tötete Zehntausende.

Heute sind wir frei von solchem Wahnsinn und arbeiten daran, den Irak aufzubauen, von dem wir so lange geträumt haben. Der neue Irak wird Erziehung und Gesundheit als wichtige Bausteine einer leistungsfähigen und produktiven Gesellschaft fördern. Der neue Irak wird eine Nation der Toleranz sein, in der ethnische und religiöse Vielfalt geschätzt werden. Der neue Irak wird privates Unternehmertum auffordern, in Zukunft eine wichtige Rolle zu spielen, und wird internationale Investitionen willkommen heissen und schützen.

Hoffnung für die Zukunft

Einige der künftigen Geber haben gefragt, ob es nicht besser wäre abzuwarten, bis die Sicherheitslage sich weiter normalisiert habe, und erst dann die Wiederaufbauaktivitäten im Irak zu unterstützen. Die Antwort lautet: Nein. Der Irak braucht die Welt jetzt, nicht später. Finanzielle Unterstützung des Wiederaufbaus ist entscheidend für die Bewältigung der Sicherheitslage, wie alle Nationen wissen, die ähnliche traumatische Erfahrungen gemacht haben. Finanzhilfe bedeutet konkret neue Jobs für Iraker, die keine Arbeit haben, Fortschritte bei den Verbesserungen wichtiger Infrastrukturelemente und bei anderen Projekten, die den Irakern Hoffnung geben und sie an die Zukunft glauben lassen.

Der Übergang zum neuen Irak wird schwierig sein. Vieles in unserem Land befindet sich in einem Zustand des Verfalls, eine Hinterlassenschaft jahrzehntelanger Vernachlässigung. Doch die Iraker sind nun wieder frei, und sie sind bereit, das Land aufzubauen und sich in der Welt zu engagieren.

Quelle und Übersetzung: NZZ vom 21.10.2003

* Iyad Allawi ist amtierender Präsident des Regierenden Rates im Irak. Kamil al-Gailani ist Finanzminister.