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Wer erschoss Fetih Akdeniz?
Die letzten Christen im Dreiländereck Türkei, Syrien und Nordirak (2)

Von Björn Blaschke

Das Sammeltaxi verlässt das friedlich in der Einöde gelegene Kloster in Richtung Westen. Das Gefühl, damit eine Festung zu verlassen, deren dicke Mauern seine Bewohner schützen könnte, verfliegt schnell. Auf allen Mitreisenden lastet die Spannung des Bürgerkrieges. Der Wagen passiert ständig Patrouillen, Panzerspäher und Jeeps und zwischendurch lassen sich Kontrollposten immer wieder die Papiere der Reisenden zeigen. So braucht das Taxi volle vier Stunden, bis es das 140 Kilometer entfernte Nusaybin, den türkischen Grenzort zu Syrien, erreicht. Direkt auf der anderen Seite des durch Stacheldraht gesicherten Checkpoints liegt die Stadt Qamishli. Ihr architektonisches Flair erinnert an den real existierenden Sozialismus der ehemaligen DDR. Die Einheitsbauten scheinen von den Stadtplanern exakt aneinander gereiht worden zu sein. Nichts ist hier natürlich gewachsen und selbst die erste Kirche, die auftaucht, ist aus Betonplatten gefertigt. Das Gotteshaus ist schmucklos und nur ein kleines Kreuz zeigt, wer in dem Haus betet; die syrischen Flaggen zeigen dagegen, wer das Land regiert.

Zwei Jugendliche sind neugierig. Eine Tante von ihnen habe in Damaskus Englisch gelernt. Sie könne jede Frage beantworten. Das Haus der Familie ist ärmlich eingerichtet, aber gepflegt. Im Garten sitzt die Mutter der beiden Jugendlichen zusammen mit der Oma. Beide höhlen Auberginen für das Abendessen aus. Es wird süßer Kaffee serviert; Zigaretten werden gereicht. Frial, die Englisch sprechende Tante, ist zurückhaltend. In Syrien kann es gefährlich sein, Fremden zu trauen. Jeder zweite, so sagt man, halb ironisch, halb ängstlich, sei Mitglied des Mukhabarat, des syrischen Geheimdienstes. Und in dessen berüchtigten Foltergefängnissen ist schon so mancher verschwunden, der einmal etwas gegen die Regierung gesagt hat. Erst als Frial von Mar Gabriel hört, wird sie zugänglicher.

Eine Familie mit Namen Rhawi kenne sie in Qamishli nicht, aber ihr Großvater habe auch aus der heutigen Türkei gestammt. Er habe in seiner Jugend in der Nähe von Mardin gelebt, also etwa 80 Kilometer von Midyat entfernt. Irgendwo dort habe die Familie einmal ein paar Hektar Land besessen, musste dann aber auch vor dem großen Massaker der Türken fliehen. In Syrien habe sich die Familie sicher gefühlt. Denn nach der Zerschlagung des osmanischen Reiches während des Ersten Weltkrieges kam die alte osmanische Provinz Syrien unter das Protektorat der Franzosen – und die Franzosen seien schließlich selber Christen. Als Hafiz al-Assad mit seinem strengen Regime Mitte der 60er Jahre an die Macht kam, verschlechterte sich die Situation der syrischen Christen. Bis zu Beginn der 80er Jahre durfte die christliche Minderheit, die immerhin zehn Prozent der Bevölkerung Syriens ausmacht, nicht einmal ihre Messen abhalten, geschweige denn Aramäisch schreiben lernen.

1982 dann, kurz nachdem al-Assad bei einem Aufstand der fundamentalistischen Muslimbruderschaft die Stadt Hama dem Erdboden gleichgemacht und etwa 20.000 Menschen ermorden lassen hatte, kam es zu einem erneuten Wandel. Plötzlich durften die Christen wieder in den staatlichen Schulen ihre eigene Sprache schreiben lernen. In den Augen der angeblich unter demokratischen Verhältnissen lebenden türkischen Christen genießen die syrischen Glaubensbrüder mehr Freiheit – obwohl die im Gegensatz zu ihnen in einer Diktatur leben.

Ähnlich sieht es auch Frial. Neben den Kirchen der syrisch-orthodoxen Sunyani finde man die Kirchen so ziemlich aller christlichen Denominationen in Syrien; armenische, katholische, katholisch-orthodoxe, protestantische, griechisch- und russisch-orthodoxe, und so weiter und so fort. Manche christliche Städte wie zum Beispiel Ma’alula und Seidnaya nördlich von Damaskus würden der Welt von al-Assads Regime geradezu als Symbole seiner Toleranz vorgeführt. Und umgekehrt reise jeder, der als Christ in der Levante etwas auf sich halte, nach Syrien, um in Ma’alula zu heiraten oder seine Kinder in Seidnaya taufen zu lassen. „Ja“, so Frial – dabei auf das Stehklo im Garten weisend – „wir leben hier zwar in Armut, aber seit Beginn der 80er Jahre geht es uns immer noch besser als den Kurden.“ Immerhin stellen die Christen einen Minister im syrischen Alibi-Parlament Hafiz al-Assads, sie bekommen bevorzugt Baugenehmigungen für Häuser vermittelt und müssen anschließend nicht so lange auf den nötigen Beton warten wie die Kurden.

Aber Frial macht sich Sorgen. Sie zeigt auf die Häuser in der Nachbarschaft: Rings um das Haus der christlichen Familie herum leben Kurden. Kontakt habe man keinen – man meide einander vielmehr. Während die Kurden in Syrien keine eigene kurdische Literatur veröffentlichen dürfen, haben Frials Nichte und Neffe Aramäisch schreiben gelernt. Eben darum werde eines Tages, wenn al-Assad erst einmal nicht mehr da sei, die Hetze gegen die Christen wieder von vorne anfangen. Schließlich hätten die Türken damals nur deshalb die Christen massakrieren können, weil ihnen die Kurden geholfen hätten.

Die Spuren von Fetih Akdeniz, alias Gabriel Rhawi, führen vom syrischen Qa-mishll in Richtung des Flusses Habur, der natürlichen Grenze zwischen der Türkei und dem Irak. Eine schwerbewaffnete Patrouille bringt die ausländischen Besucher nach Zakho, der ersten nordirakischen Stadt hinter der Grenze. Gegenüber dem militärischen Koordinationszentrum der UNO, das von Panzerfäusten gesichert wird, steht das Haus des Public Relations Office, das im Auftrag der Regierung des irakischen Bundeslandes Kurdistan für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Wer die christlichen Dörfer besuchen will, die nach dem Golfkrieg in den Bergen des türkisch-irakischen Grenzgebietes wieder aufgebaut wurden, muss sich hier einen Begleiter suchen. Noch immer gelten die Berge nämlich als unsicheres Gebiet, weil infiltrierte agents provocateurs im Auftrag Saddam Husseins immer wieder Attentate auf Ausländer verüben.

Ein Chaldäer namens Steffanus gilt als Kenner der Christen in den Bergen. Er selbst hat auf der Flucht vor dem Golfkrieg in dem schwer zugänglichen Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Irak zwei Töchter verloren – sie sind erfroren. Vor dem Krieg war er Lehrer; heute schlägt er sich und seine Familie mit einem Kiosk durch. Er verkauft Zigaretten, Bier, Cola – alles Schmuggelwaren aus dem Iran und der Türkei. Schon kurz hinter Zakho wirkt das Land unberührt, die Berge sind bewaldet und grün. Immer wieder taucht links und rechts der Gebirgsstraße einer der zahllosen Landsitze Saddam Husseins auf, malerisch verschmelzen sie mit der prächtigen Landschaft. Die kleinen Dörfer, durch die wir hindurchfahren, sind zwar ärmlich, aber sie wirken wie neu. Die 70.000 Flüchtlinge, davon zwischen fünf und zehn Prozent Christen, haben ein Land besiedelt, das vor dem Golfkrieg anscheinend unbewohnt war. Eine echte Idylle, wenn man nicht wüsste, dass die Stromversorgung in der Region schon seit mehr als drei Monaten unterbrochen ist und die Menschen sich ihr Wasser aus den Gebirgsbächen schöpfen müssen. Erst in dem kleinen Christendorf Dure ist zu erfahren, weshalb in dieser Region kaum Schäden aus dem Golfkrieg zu erkennen sind. Steffanus und der kurdische Fahrer des PR-Büros stellen Antonius, einen syrisch-orthodoxen Christen, vor. Er erklärt, dass dieser Landstrich zwischen 1986 und dem Ende des Golfkrieges tatsächlich nahezu unbewohnt war.

Bis Mitte der 80er Jahre hatte es in den Bergen an der Grenze zur Türkei noch rund 4.000 kurdische und christliche Dörfer gegeben. Dann ließ Saddam Hussein den gesamten Landstrich bombardieren. Während die Dorfbewohner in die größeren Städte umgesiedelt wurden, und fortan besser von Saddams Armee kontrolliert werden konnten, blieb von ihren Dörfern so gut wie nichts übrig. Danach konnte die Natur gedeihen wie sie wollte, denn das gesamte Gebiet war nur noch mit einer Sondererlaubnis zu besuchen. Erst mit dem Ende des Golfkrieges – nachdem die aufständischen Kurden den Nordirak befreit hatten – konnten die Menschen zurückkehren. Tatkräftig versuchen sie seither, wie die 70 Einwohner von Dure, wieder Landwirtschaft zu betreiben und neue Häuser zu bauen. Aber die Fortschritte sind klein, denn neben dem Embargo, das die UNO gegen den gesamten Irak verhängt hat – also auch gegen den Norden, den Saddam Hussein nicht mehr kontrolliert – leiden die Menschen hier unter einem zweiten Embargo: Saddam Hussein boykottiert den Nordirak eben weil sich dessen Bevölkerung gegen den Diktator aufgelehnt hat. Die Freiheit sei die Mühe jedoch wert. Endlich könnten sie ihre Sprache frei lernen; niemand verbiete es ihnen, Aramäisch zu lesen oder zu schreiben. „Dafür haben wir alle gemeinsam gekämpft – kurdische und christliche Peschmerga. Ja, bei uns haben sogar die Frauen an dem Kampf teilgenommen.“

Stolz weist Antonius dabei auf seine Schule, die in der Kirche von Dure oder besser gesagt das, was von ihr nach den Bombardements Mitte der 80er übrig blieb untergebracht ist. Unter einem Strohdach, auf grob zusammengehämmerten Holzlatten, lernen die Kinder des Dorfes ihre Sprache. Als Lehrerpult dient Antonius ein bauchhoher Gedenkstein. In seiner Mitte ist ein Bild des letzten Bischofs von Dure eingelassen, der bei einem Luftangriff 1986 ums Leben kam. Das Bild wird von Kalaschnikow-Einschüssen umrahmt. Ein moderner Märtyrer sei der Mann gewesen, ein Bischof, der sein Dorf bis zuletzt nicht verlassen habe.

Auf dem Rückweg nach Zakho hält der Wagen des Public Relations Office von Zakho in mehreren Dörfern – und es sind gerade die christlichen Dörfer, die die karitativen Organisationen anzulocken scheinen. Neben dem Haus eines Priesters in dem Dörfchen Kali Masi sind gleich drei Organisationen vertreten – Dieselfässer von der Caritas, Gasflaschen, die der Arbeiter-Samariter-Bund gespendet hat, und einen Wassertank aus dem Katastrophenhilfe-Fundus des Landes Nordrhein-Westfalen. Der kurdische Fahrer des Public Relations Office lächelt: „Manchmal müsste man Christ sein.“

Abends, als es möglich ist, Steffanus ohne den kurdischen Begleiter vom PR-Office zu besuchen, beginnt er von dem Leben der Christen im Nordirak zu erzählen. Viele Menschen versuchen auch nach dem Golfkrieg aus dem Nordirak in die Türkei zu fliehen – die meisten von ihnen seien Christen. Sie hätten Angst davor, dass sich die Kurden eines Tages für die bevorzugte Behandlung der Christen rächen könnten. Tarik Aziz zum Beispiel, der alte Außenminister und heutige Stellvertreter Saddam Husseins, ist Chaldäer. Allein wegen der Religionszugehörigkeit von Aziz, so behauptet Steffanus, seien kurz vor Ende des Krieges, als der Aufstand der Kurden gegen die irakische Armee losbrach, Hunderte christlicher Frauen vergewaltigt worden. Dass heute im kurdischen Parlament Christen vertreten sind, sei einzig und allein den immer noch präsenten Alliierten zu verdanken. Wenn die aber erst abziehen, so fürchtet Steffanus ebenso wie viele andere der in die Türkei geflohenen Christen, werden sich die Kurden erneut rächen.

Ein letztes Mal hält das Sammeltaxi beim Kloster Sankt Gabriel. Wieder ist es Sonntag. Zusammen mit den drei Mönchen sitzt Samuel Aktas vor dem Gemeinschaftsraum des Klosters auf der Terrasse. Er erzählt von seinen Sorgen. Immer mehr Menschen aus der Region schließen sich den zwei türkischen Contra-Bewegungen an. Die eine nennt sich Hizb’i contra; die andere trägt denselben Namen wie eine aus dem Libanon bekannte Terrorgruppe: Hisbollah. Unter dem duldenden Schutz der Militärs exekutieren beide mögliche Oppositionelle aller Couleurs – Kurden und Alewiten genauso wie Journalisten. Insbesondere die Hisbollah verschickt immer wieder – vorgeblich im Namen des Islam – Briefe an christliche Familien. In den Schreiben werden sie aufgefordert, das „islamische Land Türkei“ zu verlassen. Leisten die Christen den Briefen nicht Folge, droht auch ihnen der Tod.

Vor wenigen Wochen, so berichtet Bischof Samuel Aktas, sei ein Trupp der Hisbollah nachts in ein Dorf unweit von Midyat gekommen. Die Guerilleros erschossen mehrere christliche Dorfbewohner. Die türkische Regierung schrieb den Angriff der PKK zu. Auch Bischof Samuel Aktas erhält regelmäßig Drohungen. Aus Angst, ermordet oder verschleppt zu werden, fährt er nur noch selten nach Midyat. Von der Hisbollah schließlich wurde auch Fetih Akdeniz am 17. Juni 1992 hingerichtet, so wissen Samuel Aktas und Fetihs Sohn Alfred. Der Grund: Fetih, alias Gabriel, erhielt, nachdem er die 170 Christen aus dem Irak herausgeschmuggelt hatte, mehrmals Drohbriefe, die zuletzt sogar mit Blut geschrieben waren. Er schlug die Drohungen der Hisbollah in den Wind. Ein gezielter Schuss in das Genick, die typische Hinrichtungsmethode der Hisbollah, war die blutige Konsequenz. Über die Erzählungen des Bischofs ist die glutrote Sonne langsam hinter der Bergen des Tur Abdin versunken. Vor irgendwoher aus den Bergen ertönen die gleichmäßigen Salven eines Schnellfeuergewehres. Samuel Aktas grinst: „Die jagen Hasen.“ Ein ganz normale Sonntag in Mar Gabriel.

Kurdistan heute Nr. 11, August/September 1994

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