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Die Lage der Kurdinnen im Exil

Von Pervane Ghoreshe

Am 24.6.1995 veranstaltete NAVEND – Kurdisches Informations- und Dokumentationszentrum die Tagung: Kurdische Frauen in Orient und Okzident – Herkunft, Ziele, Perspektiven. Der nachfolgende Artikel ist einer der Tagungsbeitrage. Weitere Vorträge werden in den kommenden Nummern von Kurdistan heute veröffentlicht.

Es fällt uns, den „Betroffenen“ aus der Gruppe der Migrant/innen nicht leicht, sich immer wieder mit der eigenen Geschichte, den Erlebnissen und der Zerrissenheit infolge der Entwurzelung in der Migration und im Exil auseinanderzusetzen.

Die argentinischen Psychoanalytiker Grinberg und Grinberg formulieren in ihrem Buch „Psychoanalyse der Migration und des Exils“ folgende Ausführungen bezüglich der Migration: „Ohne zu leugnen, dass die Migration eine akute traumatische Phase hat, die sich zeitlich hinzieht, glauben wir, dass das Konzept des Traumas sich nicht nur auf ein einzelnes und isoliertes Faktum beziehen sollte (wie zum Beispiel den Tod eines Familienangehörigen oder eine sexuelle Vergewaltigung), sondern auch auf Situationen, die sich auf mehr oder weniger lange Zeitabschnitte erstrecken, wie physische und psychische Entbehrungen, Trennung von den Eltern, oder Asyle, Krankenhausaufenthalte und Migration.“

Die Kurdinnen in der BRD

Die Kurden und Kurdinnen sind als Arbeitsmigrant/innen, politische Flüchtlinge und Studenten hierher gekommen. Die Intoleranz und Ignoranz [gegenüber] ihrer Kultur, die sie zu Hause erlebt haben, setzt sich auch in der Emigration fort, bis zum heutigen Tag. Sie wurden und werden vonseiten der Behörden gemäß ihres Passes als Türken, Iraner, Iraker und Syrer behandelt. Die Angebote der psychosozialen Versorgung der Erwachsenen waren/sind nicht auf die spezifischen Belange der Kurden gerichtet.
Die Migration wird unterschiedlich erlebt, je nachdem aus welchen Gründen und mit welchem Hintergrund die Kurdinnen nach Deutschland gekommen sind. Deswegen möchte ich zunächst zwischen den Gruppen Arbeitsmigrantinnen und politische Flüchtlinge differenzieren.

a) Arbeitsmigrantinnen

Die Anwerbung durch europäische Staaten hat es auch vielen Kurden und Kurdinnen ermöglicht, ihr durch Militär besetztes Land zu verlassen und in die Migration zu gehen. So konnten sie die von der Türkei auferzwungene Armut, Unterdrückung, Terror sowie physischer und psychischer Vernichtung entgehen. Die meisten von ihnen waren vorher Emigranten in der Westtürkei.
Der größte Teil von ihnen waren Analphabeten. Im Gegensatz zu den kurdischen Männern, die während ihres Militärdienstes Türkisch lernen konnten, konnten die Kurdinnen kaum Türkisch. Die Kurdinnen folgten ihren Ehemännern mit Kindern, oder sie kamen zusammen und die Kinder blieben bei den Verwandten.

Der Wechsel vom Dorf oder von einer kleinen Ortschaft in eine hochindustrialisierte Gesellschaft, wo nur die Leistung zählt, zwingt die Betroffenen, sich mehrfach neu zu orientieren. Das Gelernte gilt auf einmal nichts mehr, die Sprache, mit der die Frauen bis dahin kommunizierten, ist nutzlos. Die bis dahin erreichten Kompetenzen sind nichts mehr wert. Das kollektive Bewusstsein fehlt, an seine Stelle tritt Individualismus. Zeit ist hier nicht reichlich vorhanden, „Zeit ist Geld“. Dieser Wechsel bringt zwangsläufig eine mehrfache Umorientierung mit sich. Der Wechsel von einer Agrarkultur in eine Industriegesellschaft ist schwer und braucht seine Zeit. Die Leistungen, die die Europäer in zwei Jahrhunderten erreicht haben, müssen die Arbeitsmigrantinnen innerhalb kürzester Zeit erbringen.
Die hier lebenden Kurdinnen sind mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert: Psychische Belastung aufgrund der Entwurzelung, Trennung von der Familie, Schuldgefühle gegenüber ihren eigenen Kindern, die sie in der Heimat zurücklassen mussten, oder auch hilfsbedürftigen Familienmitgliedern.

In der Fremde fehlen die vertrauten familiären und sozialen Kontakte. Die Kurdinnen haben im Gegensatz zu ihren Ehemännern kaum Kontakt nach außen. Viele von ihnen sprechen kaum Deutsch, Kontakte zu Deutschen sind eher die Ausnahme als die Regel. Sie haben nur zu ihren Landsleuten Kontakt. Die kurdischen Migrantenfamilien versuchen durch Festhalten an ihren eigenen traditionellen Werten die Familie als einzigen Ort der Geborgenheit in der Fremde zu schützen. Dies kollidiert natürlich mit den Interessen der jungen Generation. Die jungen Kurdinnen erleben zwar auch die Familie als Schutz bietenden Raum, aber auch als gleichzeitig einengend und deprivierend. Ihr Wunsch nach Veränderung und Anpassung an die hiesigen Normen führt zu Konflikten, die in zahlreichen Fällen auch ein tödliches Ende nahmen (sei es durch Suizid oder auch Gewaltverbrechen).

Durch die Migration können auch Rollenkonflikte entstehen. In Kurdistan ist die Frau in der Regel Mutter und Hausfrau. Durch die Berufstätigkeit erlangt die Frau auch ein Stück Unabhängigkeit von ihrem Ehemann. Dies führt zu innerfamiliären Konflikten, die Männer sehen ihre Macht über ihre Ehefrauen gefährdet, sie haben Angst, durch die „Unabhängigkeit“ der Frau ihr Ansehen als Mann zu verlieren. Diese Angst und subjektiv erlebte Schwächung führt zu Aggressionsausbrüchen gegen die Ehefrauen. Es entsteht ein Klima des Hasses und der Angst. Den kurdischen Frauen fehlt aufgrund ihrer Sozialisation die Fähigkeit, sich zu trennen. In der kurdischen Gemeinschaft ist die Scheidung ein sozialer Abstieg für die Frau. Es fällt ihnen auch nicht leicht, über ihre Probleme und Konflikte mit anderen zu reden. Die Fassade des heilen Orts der Familie soll nach außen gewahrt bleiben.

Ziel der Migration war auch für Kurdinnen wie für andere Migrant/innengruppen nach drei, vier Jahren zurückzukehren, um mit dem hier verdienten Geld Haus und Grundstück im Heimatland zu erwerben. Sie leben im Provisorium, denn mit dem Leib leben sie hier, aber mit der Seele leben sie in der Heimat. Sie rennen von einer Arbeit zur anderen, sind ständig gehetzt und abgespannt. Sie leben unter schwersten Lebensbedingungen: schwere Arbeit, schlechte Wohnverhältnisse und Armut. Die Kurdinnen sind mehrfachen Belastungen ausgesetzt, Fremdsein unter den Deutschen und Fremdsein unter den Fremden, hinzu kommt die Belastung, berufstätig und Hausfrau zu sein. Mit den Rückkehrabsichten konnten die Kurdinnen ihren Alltagsstress und die durch die Migration entstandenen psychischen Belastungen kompensieren.

b) Politische Flüchtlinge

Um Krieg, Verhaftungen, Folter, Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen zu umgehen, verlassen Kurden und Kurdinnen gezwungenermaßen ihre Heimat. Allein in den letzten zwei Jahren wurden in Nordkurdistan mehr als 2000 Dörfer zerstört und deren Bewohner vertrieben. Mehr als drei Millionen Kurden sind allein in Nordkurdistan auf der Flucht. Sie leben zum Teil in Südkurdistan und in den Metropolen der Westtürkei. Sie leben unter extremen Belastungen. Die Kurdinnen in Kurdistan erfahren täglich militärische Gewalt, Angriffe und verschiedene Repressionsmaßnahmen. Sie leben in ständiger Angst. Die Kurdinnen sind meistens die erste Zielscheibe der Angriffe der Soldaten. Wenn die Suche nach den Ehemännern erfolglos bleibt, dann rächen sich die Soldaten an den Kurdinnen: Mütter, Töchter, Schwestern und Ehefrauen werden vergewaltigt, geschlagen oder an den Haaren gezerrt durch die Gegend geschleift. Sie werden ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht. Die Öffentlichkeit nimmt davon keine Notiz. Der Krieg in Kurdistan ist kein Thema für die Weltpresse und auch nicht für die Opposition in den jeweiligen Ländern.

Die Flucht geschieht immer sehr plötzlich, meist ohne Abschied. Die Fluchthelfer sind ab jetzt der Herr über Leben und Tod. In dem Zufluchtsort angekommen, geht ihr Kampf ums Überleben auch hier weiter. Angst und Ungewissheit sind ihre ständigen Begleiter. Hinzu kommen die schmerzhafte Trennung und der Verlust von Bezugspersonen und der Wechsel in eine völlig fremde Welt. Die Ankömmlinge wirken die erste Zeit apathisch, ängstlich, misstrauisch und orientierungslos. Hinzu kommt die Angst, ins eigene Land zurückgeschickt zu werden, obwohl sie gerade ihr Leben vor den drohenden Gefahren gerettet haben.

Grinberg und Grinberg führen in ihrem Buch „Psychoanalyse der Migration und des Exils“ aus: „Die Migration stellt eine Veränderung von solchem Ausmaß dar, dass die Identität dabei nicht nur hervorgehoben, sondern auch gefährdet wird. Der massive Verlust erfasst die bedeutsamsten und wertvollsten Objekte: Menschen, Dinge, Orte, Sprache, Kultur, Gebräuche, Klima … an jedem dieser Objekte haften Erinnerungen und intensive Gefühle. Mit dem Verlust dieser Objekte sind die Beziehungen zu ihnen und manche Anteile des Selbst ebenfalls vom Verlust bedroht.“ Das Fehlen eines sozialen Netzwerkes im Exilland, nämlich die Familien, Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn, sowie der Hilfe und Akzeptanz, die sie jederzeit im Heimatland erhalten haben, wirkt belastend auf die Exilanten.

Für eine kurdische Familie ist es eine Schande, die weiblichen Familienmitglieder alleine, ohne eine männliche Begleitung in die ferne Welt zu schicken. Viele kurdische Familien ziehen es vor, die Frauen am Ort zu verstecken. Früher flohen viele Kurdinnen in die Berge Kurdistans. Sie wurden dort vonseiten der Partei schnell verheiratet, oder sie durften bleiben, wenn ein Bruder auch als Kämpfer dort war. Die Verantwortlichen in der Partei hatten Angst, dass die Bevölkerung die Anwesenheit der Frauen im Camp anders interpretierte.

Die kurdische Gemeinschaft kann schwer akzeptieren, dass eine Frau ihr Leben allein gestalten kann. Für die kurdischen Männer ist die Hilfsbedürftigkeit der Frau evident, daher soll so schnell wir möglich ein Ehemann (Aufpasser) gefunden werden. Auch die verheirateten Kurdinnen sehen das nicht gerne. Eine selbstbewusste und autonome Frau erinnert sie an ihre eigene Rechtlosigkeit, sie stehen solchen Frauen ablehnend gegenüber.

Andererseits ermöglicht die Migration es auch den Kurdinnen, sich neue Räume anzueignen. Sie können neue Freiheiten kennenlernen. Wenn es dazu die Angebote gibt: Alphabetisierung, Berufstätigkeit, Bewusstsein als Frau … und die sexuellen Freiheiten. Dies versetzt die Männer in Unsicherheit und Panik. Darauf reagieren sie mit besonders patriarchalen Haltungen, z. B. werden Mädchen früh verheiratet und in das Heimatland zurückgeschickt.

Einfluss des Migrantendaseins auf die kurdischen Frauen

Ich möchte nicht behaupten, dass die Migration per se die Krankheit bedeutet, aber die schwierigen psychosozialen Bedingungen, unter denen die kurdischen Migrantinnen hier leben, können zur Krankheit führen. Migration und Exil bedeuten eine immense Anforderung. Die zu bewältigen setzt extrem stabile psychische Strukturen voraus. Sie brauchen einen psychischen Raum, in dem die Migranten und Exilanten ihre Ängste und Unsicherheiten einbringen können und ihre traumatischen Erlebnisse aufarbeiten können. Den finden sie in dieser Gesellschaft nicht vor.

Reagiert die Aufnahmegesellschaft auf die Migrantinnen paranoid, z. B. mit Ausgrenzung und Ablehnung, so verstärkt dies Angst und Abkapselung. Dies kann zu vielfältigen psychischen Störungen führen. Die Kurdinnen erkranken an schweren körperlichen Leiden. Die häufigsten Beschwerden sind somatoforme Störungen. Sie reagieren auf ihre ungelösten Probleme aller Art mit (depressiv-hypochondrischen) hysterischen Erscheinungsbildern.

Die körperliche Krankheit ist ein kulturspezifischer Bewältigungsmechanismus. In islamisch geprägten Kulturen wird die Krankheit als gottgegeben hingenommen. Psychische Erkrankung (Verrücktheit) ist stark tabuisiert und wird als Gottesstrafe aufgefasst. Mit Symptomen wie Zwangsvorstellungen, Depressionen, Sexualstörungen, psychosomatischen Störungen rennen die Kurdinnen von einem Arzt zum anderen. Sie werden nur mit Medikamenten vollgestopft und werden immer kränker.

Hauptproblem ist dabei die Isolation. Um auf diese Probleme adäquat zu reagieren, muss die Isolation der kurdischen Frauen durchbrochen werden. Die bestehenden Angebote im psychosozialen Bereich sind darauf nicht ausgerichtet. Die Kurdinnen werden nicht mit ihren spezifischen Problemen wahrgenommen, und es wird nicht darauf reagiert, denn sie gelten als Türken, Iraner, Iraker und Syrer. Solange die Kurden politisch nicht anerkannt sind, wird es auch schwer sein, Verständnis und spezifische Angebote für ihre psychischen und sozialen Probleme zu entwickeln. Hinzu kommt das Wahrnehmungsmuster, das in den letzten Jahren bewusst geschaffen wurde. Vorher gab es im öffentlichen Bewusstsein keinen Kurden und Kurdinnen. Jetzt gibt es Kurdinnen und Kurden, aber sie sind Terroristen.

Kurdistan heute Nr. 15, Juli/August 1995

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