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9. Jahrestag der „Anfal“-Kampagne

Aufruf von Ann Cloid (MP) zur Verurteilung Saddam Husseins als Kriegsverbrecher

Am 13.12.1996, zum neunten Jahrestag der „Anfal“-Kampagne, rief die britische Parlamentsabgeordnete Ann Cloid die Völkergemeinschaft und die Weltöffentlichkeit auf, die Verantwortlichen vor ein internationales Gericht zu bringen.

1987 wurde Ali Hassan Almajdid, dem irakischen Volk als Ali Kimjawi (Chemischer Ali) bekannt, Leiter des Nordbüros der Baath-Partei. Binnen drei Monaten hatte er auf direkten Befehl Saddam Husseins eine Kampagne in Irakisch-Kurdistan begonnen, die er auf Geheiß seines Herrn, die „Anfal“-Kampagne nannte und mit der er praktisch das Blutvergießen unter den Kurden segnete. Unter seinen Befehl fiel die Säuberung weiter Regionen im Norden, indem Saddams Gefolge die Bewohner dieser Gebiete aus ihren Dörfern vertrieb, die Dörfer zerbombte und auf alles, was sich noch bewegte, schoss. Parallel zu dieser Kampagne lief eine Arabisierungswelle, bei der die Häuser der vertriebenen Kurden an Regimeanhänger aus den arabischen Gebieten übergeben wurden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) berichtete von 50.000 Kurden, die während der „Anfal“-Kampagne „verschwanden“. Doch Ali Hassan Almajdid korrigierte die Zahl auf 100.000. Die kurdische Regionalregierung schätzte die Zahl der getöteten Kurden auf 180.000.

Während der Kampagne wurden chemische Waffen, Giftgas, einschließlich Nerven- und Senfgas gegen die Kurden eingesetzt. HRW hat 1987 und 1988 insgesamt 39 Giftgasangriffe gegen die Kurden dokumentiert. Doch wurde betont, dass die tatsächliche Zahl dieser Angriffe deutlich größer sei.

Einer der wenigen überlebenden Kurden berichtete, wie er mit anderen Männern mit gefesselten Händen in Lastwagen an Orte gebracht wurden, wo viele Gräber frisch ausgehoben waren. Die Gefangenen wurden an den Rand der Gräber gestellt. Dann schossen Saddams Soldaten mit Maschinengewehren auf sie. Während die LKWs sich dem Ort der Massengräber näherten, hörten sie ständig Schüsse, gefolgt vom Dröhnen von Traktoren, die benutzt wurden, um die Toten und die Verletzten zu begraben. Er berichtete weiter, dass sie an Dutzenden von Massengräbern vorbeigekrochen sind, als sie in der Nacht flohen.

Ein kurdischer Soldat fand sein Haus in Süleymaniya in Trümmern vor. Er richtete einen Antrag an die Behörden, worin er Informationen über das Schicksal seiner Familie verlangte. Die Antwort war zwar kurz, könnte durch ihre Bedeutung aber ganze Bücher ersetzen. Im Schreiben der Behörde stand: „Deine Frau und deine Kinder sind während der 1988 in der Nordregion durchgeführten Anfal-Aktionen verschwunden.“ Unter dem Schreiben stand die Unterschrift von Saadun Alwan Muslih, Direktor des Präsidialamtes.

Nicht einmal die Frauen und Kinder blieben verschont. Taimur war eines der kleinsten überlebenden Kinder. Er war zwölf Jahre alt. Er wird sein ganzes Leben lang von Alpträumen verfolgt werden, die diese schreckliche Aktion in sein Wesen eingebrannt hat. Rupak ist ein anderes Opfer. Sie gehört zu den vielen kurdischen Frauen, deren Tragödie darin besteht, dass sie alle Familienangehörigen verloren hat.

Die Rechtsexpertin Theresa Thronhell schrieb ein Buch mit dem Titel „Tee mit Zucker und Kardamon – eine Reise nach Irakisch-Kurdistan“. Bei den Recherchen hatte sie den „Anfal-Witwen“ stundenlang zugehört: „Eine Frau nach der anderen erzählte mir ihr Schicksal. Nach jedem Bericht nahm die Anfal-Kampagne eine erschreckendere Dimension an. Rupak ist eine Oma, die ich in Erbil traf. Sie erzählte mir von ihrer Verhaftung mit dem Rest der Familie und den anderen Dorfbewohnern und wie sie zu einer Kaserne in Topzawa bei Erbil gebracht wurden. Bei Sonnenuntergang wurden sie in drei Gruppen geteilt, die Jugendlichen in einer Gruppe, die Mädchen in einer zweiten und die Alten und Kinder in die dritte. Rupak wurde von ihrer Tochter und Schwiegertochter getrennt, die wiederum von ihren Männern und Kindern getrennt wurden. Seitdem hat Rupak kein Lebenszeichen von ihnen.

Rupak wurde dann mit ihrem Mann in einem geschlossenen LKW in ein Gefängnis im Süden des Irak transportiert. Sechs Monate verbrachten sie dort unter miserablen Bedingungen, wo Rupak er-krankte und viele andere Gefangene starben. Nachdem sie freigelassen wurden, durften sie nicht nach Hause zurückkehren, wo ohnehin alles dem Erdboden gleichgemacht worden war. Auf jeden Fall habe ich sie 1993 als zwei Greise kennengelernt, die schreckliche Erfahrungen hinter sich haben mussten.“

Überall in Irakisch-Kurdistan gibt es junge kurdische Frauen, deren Ehemänner getötet wurden oder spurlos verschwanden. Der Nordirak ist voll von Kindern, deren Väter verschwunden sind, und von Vätern, deren Kinder von Kräften Saddams während der „Anfal“-Kampagne verschleppt wurden. Alle hat Saddam dazu verurteilt, wegen ihrer Blutsverwandten zwischen Hoffnung und Perspektivlosigkeit zu pendeln. Denn es wird nicht getrauert oder wieder geheiratet, solange sich über den Tod des Ehepartners nicht völlig gewiss ist. So müssen sich Tausende von Frauen mit dem Schicksal abfinden, dass sie in finsterer Armut leben und ihre Kinder ohne Vater ausziehen müssen.

Die „Anfal“-Kampagne war ein Versuch des irakischen Regimes, die kurdische Frage auf Saddams Art zu lösen.

Kurdistan heute Nr. 21/22, September/Oktober 1997

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