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Die Kurden – Geschichte und Schicksal eines Volkes

Rezension von Birgit Cerha

Wäre der Autor nicht ein in Österreich anerkannter Publizist und Träger der höchsten Auszeichnung des österreichischen Staates für wissenschaftliche Leistungen, könnte man das Buch „Die Kurden – Geschichte und Schicksal eines Volkes“ von Erich Feigl beiseite legen als ein polemisches Werk, das wegen seiner extremen Einseitigkeit keine Zeile der Rezension verdiente. Um so mehr erstaunt es, dass ein als seriös geachteter Publizist eine Arbeit hervorbringen konnte, in der er weder versucht, historische Zusammenhänge so objektiv und sachlich wie möglich zu erhellen, noch Verständnis für ein Volk, die Kurden zu vermitteln.

Warum hat Feigl dieses Volk zum Thema gewählt, wenn er es in totaler Verfälschung historischer Tatsachen als primär plünderndes und raubendes Nomadenvolk präsentiert? Warum attackiert ein österreichischer Publizist die Kurden in einer Weise, wie es heute nicht einmal die offizielle Türkei wagt, um sich nicht dem Vorwurf des Rassismus auszusetzen? Warum greift er ein ganzes Volk an und dies auch noch voll Emotionen, Unsachlichkeit, ja sogar Aggressionen? Auf 273 Seiten kann sich Feigl nicht ein einziges Mal eine wohlwollende Bemerkung über die Kurden abzwingen. Und wenn es um die Beschreibung der Kurden und ihrer Wesenszüge geht, dann versteigt er sich zu Formulierungen wie jene in einer Legende zum Bild eines kurdischen Peschmerga (Kämpfers): „Wie schmal seine Augen, wie eng sein Blickfeld. Sind das die Täler, die nie Horizont sehen lassen? Ist es die Unzahl der Gipfel, die erst recht kein Blickfeld ergeben?“ (S. 221)

Feigl hat sich offenbar mit seinem Werk mehrere Ziele gesetzt: Er will mit dem Namen „Kurden“ unter den Lesern negative Assoziationen wecken. Wiederholter Bezug zu den Nationalsozialisten. Goebbels und Ariertum, auf das die Kurden – angeblich – so stolz seien, soll nationale Strömungen unter diesem Volk, insbesondere in den Augen der deutsch sprechenden Leser, mit den denkbar schlechtesten Attributen versehen. Indem er sehr oft Formulierungen verwendet wie jene, „die sich als Kurden verstehen“, oder den Namen Kurden in Anführung setzt, will er dem Leser sogar suggerieren, dass es die Kurden ja ohne dies nicht gäbe. Es gäbe nur verschiedene Stämme, die sich so nennen würden. Sie hätten, so erläutert der Autor, keine Geschichte, sondern konstruierten nur eine, keine kunsthistorischen Schätze (freilich erwähnt er nicht die vielen Kriege und Zerstörungen durch die Feinde der Kurden im Laute der Jahrhunderte), keine Literatur (Kenner wissen, dass die kurdische Literatur zu den reichen des Orients gehört), keine Architektur und lebten in keinem eigenen Siedlungsgebiet. Die verschiedenen religiösen Richtungen, zu denen sich die Kurden bekennen, werden mit „ideologischem Sondermüll“ gleichgesetzt. Selbst dem großen Kurdenaufstand unter Führung Scheich Saids 1925 spricht Feigl kurdisch-nationale Gefühle als Ursache ab. Es sei vielmehr ein „…völlig religiöser Bezugsverlust“ gewesen, der die Kurden in die Rebellion getrieben hätte.

Dabei belegen die letzten Worte Scheich Saids und seiner Mitstreiter vor ihrer Hinrichtung ganz andere Fakten: „…Jetzt endet mein natürliches Leben. Und es schmerzt mich nicht, da ich für mein Volk sterbe. Es ist (mir Trost) genug, wenn unsere Enkel uns (die Kurden) nicht in Schande den Feinden überlassen.“ Und Scheich Saids Mitstreiter, Jhalit Jebri Bey: „Ich bin nicht allein gegen Euch (Türken). Hinter mir steht das große kurdische Volk in Iran, Mesopotamien und in der Türkei…“

Durch Verzerrung von Fakten will Feigl nicht nur den Kurden das Recht absprechen. sich als Volk zu fühlen, sondern zudem will er eine große armenisch-kurdische Verschwörung gegen die Türkei entlarven. Der Krieg der kurdischen Guerillaorganisation PKK in Süd-Ostanatolien ist nach seiner kühnen Ansicht von den „Erzfeinden“ der Türken, den Armeniern, gesteuert. Äußerst klug und intelligent hätten sie es verstanden, die ganze Welt hinters Licht zu führen und sich als die Opfer eines Genozids (zu Beginn dieses Jahrhunderts) darzustellen. Während der Autor von den „…entsetzlichen Ausschreitungen“ der Armenier an der muslimischen Bevölkerung Anatoliens spricht, findet er für die Vertreibung und den Tod Hunderttausender Armenier durch Türken den Euphemismus „…Ende der armenischen Präsenz in Ostanatolien“ oder „Umsiedlung“ (S. 185). Diese Argumentation erinnert erstaunlich stark an die apologetische türkische Darstellung des Genozids.

Der Autor ergeht sich weiter in abenteuerlichen Verschwörungstheorien, nach denen die Armenier heute Kurden für ihre Zwecke einsetzten, um schließlich jenes Gebiet (Südostanatolien) zu erobern. Das Kurden und Armenier gleichermaßen als ihre Heimat erachten, so wird nach seiner Darstellung der PKK-Chef Öcalan völlig von den Armeniern gesteuert. Unter der Direktive der Armenier betreibe er die Entvölkerung weiter Teile Kurdistans und begreife nicht deren Endziels Die Vertreibung der Kurden aus jenem Land, in das schließlich die Armenier einziehen wollen. Dabei kann nicht einmal das offizielle Ankara heute mehr leugnen, dass es seine Sicherheitskräfte und Anti-Guerillaeinheiten sind, die in einer ungeheuer brutalen Politik der „verbrannten Erde“ Tausende Kurdendörfer zerstören und Hunderttausende unschuldige Landbewohner verjagen, um totes und damit kontrollierbares Land zu schaffen. Feigl nennt die türkischen Aktionen gegenüber den Kurden „Befriedung Ostanatoliens.“

Schmerzlich auch das unglaubliche Verständnis für den irakischen Diktator Saddam Hussein: „Kein Land der Welt würde anders reagieren“ (S. 228), lautet der erstaunliche Kommentar zu der irakischen Großoffensive gegen die Kurden am Ende des Kuwait-Krieges 1991, als irakische Helikopter über kurdische Dörfer flogen und Bomben auf die in Panik flüchtende Zivilbevölkerung abwarten. Tausende starben und Hunderttausende flüchteten ohne Hab und Gut, doch Schuld an dieser Tragödie tragen nach Feigls Ansicht nur die verantwortungslosen Kurdenführer. Eine ebenfalls unfassbare Fälschung der Tatsachen ist die Darstellung der Flüchtlingssituation in der Türkei. Wiewohl wohl sich der Autor die Worte „unermessliches Leid“ abzwingt (S. 229), ist dieses Leid keiner weiteren Erwähnung wert, wohl aber die ökologischen Schäden, die die Flüchtlinge „durch ihren Unverstand“ in der Türkei angerichtet hätten. Und wieder wird unter Verdrehung der Tatsachen die Türkei als Opfer präsentiert, die „…völlig auf sich allein gestellt“ bei den Hilfsmaßnahmen war. Solche Worte müssen unter den Spendern, die auch in Österreich, ungewöhnlich hohe Summen zur Linderung der schlimmsten Not der Kurden aufbrachten, helle Empörung auslösen. Während die Türkei den Flüchtenden zunächst ihre Grenzen versperrte. sie dann nur unter massivem westlichen Druck öffnete, verzögerte sie die so dringend nötige erste Hilfe durch enorme bürokratische Hürden und die Forderung, dass alle Hilfsgelder über ihre Institutionen laufen müssten.

Es ist erstaunlich, dass sich ein angesehener Verlag zur Publikation eines solch tendenziösen und unsachlichen Buches bereit fand.

Erich Feigl. Die Kurden – Geschichte und Schicksal eines Volkes. 286 Seiten mit 139 Abbildungen, Karten und Dokumenten. Universitas Verlag München 1995

Kurdistan heute Nr. 21/22, September/Oktober 1997

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